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Als Niederbieber noch ein Strandbad hatte

Von Anita Trostel

 

Wer kennt sie nicht, die Superlativen, mit denen heute die Bäderbetreiber die Badegäste umwerben. Spaßbad, Erlebnisbad, Sportbad, Familienbad – alles überregional – sind  nur ein paar dieser Schlagworte. Man überbietet sich mit ausgefeilten technischen Raffinessen und sportlichen Attraktivitäten. Hygiene und Wasserqualität sind das oberste Gebot. Die Kosten sind hoch und die Eintrittspreise demzufolge nicht immer kundenfreundlich.

Doch wie war das früher, als es diese Supereinrichtungen noch nicht gegeben hat?

Wenn schwimmbegeisterte Menschen in Neuwied und Umgebung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihrem Hobby frönen wollten, dann mussten sie sich meist mit „wilden“ Badestränden an Rhein und Wied begnügen. Doch die Niederbieberer zeigten Weitblick. Im Jahr 1923 legte man an der Wied ein Licht-, Luft- und Schwimmbad an, und zwar in Höhe der Fußgängerbrücke über die Wied, am Ende der heutigen Straße Am Steg. 1934 nahm sich dann der Verschönerungsverein Niederbieber des „Strandbades“ – wie es im örtlichen Sprachgebrauch hieß – an, brachte wieder Schwung in den Betrieb  und ermöglichte die Weiterführung.

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Im Jahre 1938 schufen beim Rasselstein beschäftigte Familienväter auf dem Rasselsteingelände das „Rasselsteiner Strandbad“, das eigentlich nur für Werksangehörige gedacht war, trotzdem aber auch von „Illegalen“ besucht wurde.

Die Niederbieberer bangten schon um den Fortbestand ihres Strandbades, weil das Rasselsteiner Bad bereits den Komfort von Becken für Kinder, Nichtschwimmer und Fortgeschrittene und sonstige Annehmlichkeiten bot. Da auch  sehr viele Niederbieberer bei Rasselstein beschäftigt waren, befürchtete man die Abwanderung. Doch das neue Bad tat dem Niederbieberer Strandbad keinen Abbruch, denn die Bevölkerung in und um Niederbieber blieb ihrem Strandbad treu. Es  war ortsnah und für die damalige Zeit auch sehr attraktiv. Das Rasselstein-Bad wurde im zweiten Weltkrieg beschädigt und nie mehr offiziell eröffnet.

Das Strandbad in Niederbieber überstand die Kriegswirren und war bis über die Mitte der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts „der Sommerspaß“ schlechthin. Der Eintritt war erschwinglich, 10 Pfennig ohne Kabine, überwiegend für die Kinder und Jugendlichen, 15 Pfennig mit Kabine, für die Erwachsenen. (Hier Foto Eintritt einfügen)

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Von der damals noch sehr breiten Liegewiese aus führte ein Badesteg ins Wasser und am gegenüberliegenden rechten Ufer, an der tiefsten Stelle, gab es ein Sprungbrett. Hier tummelten sich allerdings nicht nur die Springer, auf dieser Seite der Wied hielten sich auch die Ratten auf. Aber nur die „Mutigen“ schwammen zum Sprungbrett und denen waren die Ratten egal. Im Gegenteil, man brüstete sich, dass man wieder einen richtigen „Kawänzmann“ gesehen habe. 

Wem es nicht genügte, mit einem einfachen „Käbbert“, also einem Kopfsprung oder mit einer A....bombe vom Sprungbrett zu hüpfen, der wagte es, kunstvolle Sprünge vom Steg aus, wie die Fußgängerbrücke heute noch genannt wird, zu absolvieren. Ganz wagemutige Springer, in der Hauptsache waren es die Jungs, stürzten sich vom obersten Brückenbogen in das kühle Nass und wurden von den Badenden mit lautem Hallo bedacht. Es gab damals aber auch schon mutige Mädchen, Hanna Michels (später verheiratete Schmidt), die eine sehr gute Schwimmerin war und die in den dreißiger Jahren sogar  an den Deutschen Jugendmeisterschaften in Berlin teilnahm, zeigte hier oft was sie konnte.

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Da die Reisewelle noch nicht rollte und die Sommer noch Sommer waren, gab es keinen Mangel an Badegästen. Wenn das Wetter mal nicht so mitspielte, zog man sich halt eine Jacke an und legte sich auf die Decke. Die Kinder verbrachten hier ihre Freizeit und die gesamten Ferien, hier lernten sie schwimmen. Ich kann mich noch erinnern, dass die männliche Jugend wilde Wasserschlachten abhielt, indem versucht wurde, auf aufgepumpten Reifen sitzend, sich gegenseitig ins Wasser zu stoßen. Ballspiele, Ringtennis, Bootsfahrten alles war möglich und erlaubt.

Auch für den Schulsport wurde das Strandbad genutzt. Bei schönem Wetter fand der Sportunterricht manchmal im Wasser der Wied statt.

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Das linke Ufer der Badestelle war sehr flach und man konnte recht weit in den Bach hineinwaten, bis es tiefer wurde. Die seichten Stellen am Ufer waren von den Kleinsten bevölkert, hier wurde mit Inbrunst geplanscht und gematscht und oft flog auch schon mal eine Hand voll Schlamm Richtung Land, was die Gäste auf der Liegewiese mit lautem Geschrei quittierten.

Dass die Wied, hauptsächlich in trockenen Sommern, manchmal  recht schmutzig war und eine dicke braune Brühe sich träge dahinwälzte, störte keinen. Das war halt Natur und gehörte dazu. Man erzählte mir, dass es einmal so schlimm war, dass viele tote Fische im Wasser trieben. Dieser Tatbestand wurde als Freizeitspaß hingenommen und die Fische als Wurfgeschosse eingesetzt. 

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Wer sich zu lange in den kühlen Fluten aufgehalten hatte, der legte sich einfach in der Nähe des Umkleidegebäudes  auf die warmen Platten und ließ sich von der Sonne trocknen oder schwamm etwas weiter flussabwärts an die „Klous“ und setzte sich dort aufs Wehr. 

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Vom Umkleidegebäude aus konnte man den gesamten Badebetrieb beobachten und Nahrung für den Dorfklatsch sammeln. Wir Kinder kauften, weil wir die Sammelkabine benutzten, für die gesparten 5 Pfennig am Kiosk Süßigkeiten oder auch ein Eis für zehn Pfennig, wenn die Eltern mal großzügig waren und außer dem Eintritt noch etwas dazugelegt hatten.

Die Größe des Umkleidegebäudes, es stand ungefähr im Bereich der heutigen Altentagesstätte, war für die damalige Zeit schon sehr beachtlich, wie das nachstehende Foto zeigt.

Es gab Sammel- und Einzelumkleiden, rechts für das männliche und links für das weibliche Geschlecht. Man konnte seine Kleidung sogar beim Bademeister zur Aufbewahrung abgeben.

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Die Familie Kliegelhöfer betrieb den Kiosk und übte zugleich die Funktion des Bademeisters aus. Hauptsächlich Frau Kliegelhöfer, oder „ed Ella“ hatte stets ein wachsames, manchmal auch strenges Auge auf ihre Badegäste. Die Kinder und Jugendlichen gehorchten aufs Wort, wenn „Klingelhöfasch“, wie es für den Niederbieberer   Zungenschlag besser zu sprechen ist, ihre Anweisungen gaben. Das war meistens notwendig, wenn die heranwachsenden Jungen mal wieder zu ihrem Beobachtungsposten bei  der Sammelumkleide der Mädchen geschlichen waren. Die Mädchen versuchten dann mit lautem Gekreische die Jungen zu verjagen, was regelmäßig Ella Kliegelhöfer oder ihren Mann auf den Plan rief.

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In der Mitte der 1950iger Jahre kam dann jedoch leider das Aus für das Niederbieberer Strandbad. Es wurde noch einige Jahre „inoffiziell“ genutzt, aber an Badesteg, Sprungbrett und Umkleidegebäude nagte der Zahn der Zeit. Die zunehmende Umweltbelastung und die damit einhergehende Wasserverschmutzung sowie das wachsende Hygienebewusstsein, hatten in späterer Zeit dann auch ein offizielles Badeverbot in der Wied zur Folge, was bis heute noch besteht.

Als die „modernen Zeiten“ anbrachen und das neue Freibad in Neuwied seine Pforten öffnete, wollte man dessen Komfort nutzen und das Strandbad am Ort wurde – anders als 1938 beim Rasselsteinbad – gänzlich  vergessen.

Die Anlagen wurden abgerissen und es entstanden an der Stelle des Umkleidegebäudes Behelfswohnungen, bis dann später der Kindergarten und die Altentagesstätte dort ihren Platz fanden.

Mit dem Verschwinden des Strandbades ging aber auch wieder ein Stück der dörflichen Gemeinschaft, der Identifikation mit dem Ort  und der Kommunikation verloren. Schade!

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